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Clanga pomarina - Résumé 2016

Schreiadler-Männchen "Martin" kurz vor Sonnenuntergang am 15. September 2016 im Brutrevier. Die Meckl...

Friday, February 03, 2017

Die Talfahrt des Schwarzstorchs in Mecklenburg-Vorpommern

Der Schwarzstorch zählt unter den heimischen Brutvogelarten gegenwärtig zur gefährdetsten Anhang 1 - Großvogelart der EU-Vogelschutzrichtlinie innerhalb des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern (M-V).
Schritten zwischen 2002 bis 2009 noch 13 bis 16 Paare in M-V regelmäßig zur Brut, so offenbarte das im Nordosten von Deutschland seit Jahrzehnten systematisch untersuchte Areal seit 2010 einen alarmierenden Bestandsrückgang. Mit gegenwärtig nur noch drei bis fünf reproduzierenden Brutpaaren erreichte das vom Schwarzstorch traditionell erschlossene Brutareal nunmehr seinen absoluten Tiefpunkt! 
Als besonders akut und im engen Zusammenhang stehend, sind vor allem die signifikanten Einbußen beim Erfolgs- und Jungvogelanteil innerhalb dieser Brutpopulation zu werten (siehe hierzu die nachfolgenden Diagramme).
Die Ursachen für diesen Negativ-Trend können nur mittels einer sehr komplexen Betrachtungsweise entschlüsseln werden.
Neben einer geografisch als zunehmend kritisch zu beleuchtenden Randlagendynamik der Brutpopulation, mit ansteigend isolierten Einzel-Vorkommen, diese wiederum eng verknüpft mit permanenten Gefahrenmomenten und erhöhten Mortalitätsraten von Schwarzstörchen im ersten und zweiten Kalenderjahr während der Zug- und Überwinterungsperioden, kommt schwerpunktmäßig insbesondere die ungleichmäßige Verfügbarkeit/ Verteilung geeigneter Schwarzstorch-Nahrungshabitate in M-V allerorts zum Tragen.





Die ganzjährig wasserführende Schaale zählt mit ihrer in Teilabschnitten naturnahen Habitat-Ausstattung zu den wenigen Fließgewässern in M-V, die für den Schwarzstorch als bedeutungsvolles Nahrungshabitat infrage kommen.
Die Abbildung hebt dabei deutlich die naturnahe Gewässerdynamik mit einem hohen Totholz-Anteil, typischen Unterwasserpflanzengesellschaften und wiederholt kiesig-grobsandigen Sohlstrukturen hervor. Ideale Voraussetzungen für charakteristische Laichplätze (Kiesbett-Laicher) und Unterstände für potentielle Nahrungstiere des Schwarzstorchs.





Tuesday, January 31, 2017

Zur Brut-Koexistenz zwischen Schrei- und Seeadlern in Mecklenburg-Vorpommern 2001-2016

Die zunehmende Besiedelung des Landes durch den Seeadler, vor allem innerhalb des bekannten Schreiadler-Brutverbreitungsgebietes in M-V, wird seit nunmehr 15 Jahren näher verfolgt.

Der Seeadler erschließt als Nahrungsopportunist und großer Beutegreifer in seiner besiedelten (jetzt auch zunehmend gewässerarmen) Brutregion vorrangig neu entstandene Nahrungsquellen (z.B. Hühnerfarmen). 
Er ist zudem lernfähig und scheint so sein Beutespektrum auf weitere Großvogelarten merklich erweitern zu können. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn plötzlich Arten - wie nachweislich Alt- und Jungvögel vom Weiß- und Schwarzstorch, Kranich - aber auch  Greifvogelarten immer häufiger auf seinem Speiseplan stehen.
Beispielgebend auch der Nachweis, wie ein ad. Seeadler einen brütenden Schreiadler im rasanten Sturzflug vom Nest „pflücken“ wollte - wie kürzlich per Videoanalyse 2016 in Polen zu sehen war. Dieser Schreiadler konnte sich in letzter Sekunde noch retten. Der Seeadler hatte es also im geschilderten Fall wohl nicht auf das Gelege abgesehen, wie bei anderen Prädatoren nicht unüblich (insbesondere Waschbär oder Baummarder). 
Inzwischen liegen auch Indizien vor, dass der Seeadler die Schreiadler-Nestlinge aus den Nestern greift (plötzliche Jungadler-Verluste einhergehend mit Mauserfederfunden vom Seeadler unmittelbar am Nest, n=2). 
Beobachtete Gegenattacken von am Nest wachenden Schreiadlern stützen zudem dieses vermeintlich „neue“ Prädations-Muster – als z.B. ad. und imm. Seeadler den wiederholten Versuch unternahmen, an zwei Brutplätzen in 2016 die Jungadler vom Nest zu schlagen (persönliche Beobachtungen im Landkreis LRO)! 
In einem weiteren in 2016 beobachteten Fall versuchte ein ad. Seeadler einen bereits seit 2,5 Wochen flüggen jungen Schreiadler im Luftraum über dem Brutplatz zu erbeuten. Der Jungadler konnte jedoch rechtzeitig im dichten Kronendach abtauchen und sich retten. Ein Elterntier (Weibchen) vom genannten Jungadler attackierte umgehend und vehement den ad. Seeadler im Luftraum. An anderer Stelle dasselbe Spiel, nur griff hier der männliche Schreiadler den Seeadler an (auch dieser wollte den flüggen Jungadler greifen)!
Nur wenn den Schreiadlern ausreichend Nahrung (Kleinsäuger, Amphibien) im Brutrevier zur Verfügung steht, nur dann können die Altvögel ihre Jungen aufmerksam und für längere Zeitabschnitte bewachen und dementsprechend gegen Beutegreifer - wie  z.B. Seeadler oder Habicht - rechtzeitig und effizient agieren.

Siedelten 2013 bereits 335 Seeadler-Revierpaare in M-V, so peilt der kräftige Adler gegenwärtig die historische 400er Marke für unser Bundesland an. 2017/ 2018 scheint für das Erreichen dieser "Schallmauer" durchaus realistisch zu sein.
Aber wie kommt der Schreiadler innerhalb seiner Brutreviere mit dieser stetig wachsenden „Brut-Nachbarschaft“ zum Seeadler überhaupt zurecht?

Arrangiert er sich trotz seines charakteristischen und uns sehr bekannten Abwehrverhaltens gegen den Seeadler? Zeichnet sich ein erkennbarer Entwicklungstrend in den Revieren ab?

Besonders im letzten 5 Jahres-Zeitraum verzeichneten wir einen deutlichen Anstieg von Seeadler-Bruten innerhalb der kontrollierten Schreiadler-Reviere in M-V.

Bezugsgröße für die nachfolgenden Auswertungen zur (gewünschten) Koexistenz mit dem Seeadler stellte ein 2 km-Ansiedlungs-Sektor um bestehende/ intakte/ aktive Schreiadler-Brutplätze/ Reviere dar.



Die seit nunmehr 15 Jahren zu beobachtende Einwanderung von Seeadler-Revierpaaren in den Einzugsbereich benachbarter Schreiadler-Brutplätze in M-V zeigt beispielhaft die Abb.1.
Es handelt sich hierbei um eine von 9 Seeadler-Neuansiedlungen zwischen 2015-2016 in den oben definierten Bezugsraum zum Schreiadler.
Das sehr gut im "Mistelwald" getarnte Nest auf einer Hybrid-Pappel wurde im Sommer 2015 neu errichtet. Zum Zeitpunkt der Neuansiedlung (noch ohne Brut) brütete in nur 775 m Entfernung ein Schreiadler mit Erfolg. 
Zunehmend besiedeln Seeadler diverse Solitär-Gehölze (Feldgehölze, Baumreihen, Einzelbäume) in der offenen Landschaft, da ihre Optimal-Bruthabitate fast vollständig ausgeschöpft sind. Dieser neue Seeadler-Brutplatz befindet sich unmittelbar an der Hauptnahrungsquelle des benachbarten Schreiadlers (extensiv bewirtschaftetes Dauergrünland). Weiterhin ist zu erwähnen - parallel zur Seeadler-Besetzung nahm in nur 1.700 m Entfernung eine Hühnerfarm ihren Betrieb auf (eine von vielen).

Das Foto zeigt die erfolgreiche Seeadler-Brut aus 2016 (Jungadler bereits geschlüpft) - nachfolgend flogen 2 Jungadler aus (Beutereste von Hühnern unter dem Nest müssen zudem nicht weiter kommentiert werden...). Allerdings (glücklicherweise) nutzten die Seeadler hier zusätzlich Fischnahrung aus einem in 4,5 km Entfernung befindlichen See. Die Jungen schöpften also aus dem Vollen. Der betroffene Schreiadler errichtete 2016 diesmal in 820 m Entfernung zum Seeadler ein neues Nest, die Brut verlief jedoch negativ. Wie sich die "Koexistenz vor Ort" zukünftig entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Die Seeadler bauen ungeachtet dessen wieder eifrig am abgebildeten Pappel-Nest.

Insgesamt flossen zwischen 2001 bis 2016 Informationen von über 55 Schreiadler-Nistplätzen aus 30 bekannten Brutrevieren in die Analyse ein. Dem gegenüber standen 27 Seeadler-Nistplätze aus 23 bekannten Brutrevieren mit intimen Bezug zum Schreiadler.


Zur Auswertung kamen für beide Adlerarten nur parallel besetzte Plätze mit klarem Nestbezug.
Von den 55 belegten Schreiadler-Plätzen wurde ein Mittelwert von 1.047 m zu benachbarten Seeadler-Plätzen innerhalb des o.g. 2.000 m Untersuchungsraumes ermittelt. Besonders fielen die 14 Nachweise (25,5 %) in der Kategorie 500 - 800 m (Nestentfernung) zum Seeadler auf. 

Auf dieser Diagramm-Ebene (Diagramm II) wurde noch nicht verifiziert, ob die jeweilige Brut positiv verlaufen ist.



Das Diagramm zeigt die Aufschlüsselung der 55 geprüften Nistplätze mit den entsprechenden Distanzen zum jeweiligen Seeadler-Brutplatz.

Bemerkenswert ist die Ansiedlung eines Seeadlers in nur 155 m zu einem besetzten Schreiadler-Nest. 2007 war das Seeadler-Paar bereits anwesend (brütete aber noch nicht), in nur 155 m brütet 2007 der Schreiadler dafür erfolgreich! Nachfolgend zog der Schreiadler erst im Jahr 2010 um (entfernte sich jetzt 360 m vom Seeadler). Im Jahr 2014 brüteten schließlich Schrei- und Seeadler jeweils erfolgreich in nur 360 m Entfernung friedlicher Koexistenz.

Zuvor waren die Erfolge wechselseitig (mal See- mal Schreiadler). In einem dritten Schritt zog schließlich der Schreiadler, obwohl er noch im Vorjahr (2014) erfolgreich gebrütet hatte, mit einem große Satz vom Seeadler weg. 2015 brütete der Schreiadler in 1.600 m Entfernung zum Seeadler (beide Adlerarten mir Bruterfolg). 2016 rückte der Schreiadler wieder etwas näher in 1.500 m zum Seeadler (ebenfalls beide Adlerarten mit Bruterfolg).


Von zusammen 107 Schreiadler-Bruten (verteilt auf 55 Nistplätze in 30 Brutrevieren) ließen sich zwischen 2001-2016 die exakten Reproduktionsergebnisse im Seeadler-Sektor ermitteln.
  • 65 Bruten vom Schreiadler verliefen in unmittelbarer Nachbarschaft zum Seeadler erfolgreich (61 %) - vor allem der signifikant erhöhte Erfolgswert im 500 - 800 m Sektor an 5 Schreiadler-Brutplätzen mit 21 erfolgreichen Bruten ist besonders bemerkenswert.
  • Für drei Schreiadler-Reviere lassen sich Zusammenhänge für deren Revieraufgabe und  nachstehenden Umzüge ≥ 3.000 m aufgrund einer Seeadler-Neuansiedlung im selben Jahr bzw. Folgejahr ableiten. Der Mittelwert bzgl. der Seeadler-Ansiedlung und Auslöser der Revieraufgabe/ Verlagerung lag bei 293 m (170 - 490 m).
  • Ein Schreiadler-Revier wurde, nachdem der ansässige Seeadler den Brutplatz (großräumig) verlassen hat, wieder "reanimiert" und bezogen (wichtig: sämtliche inzwischen verwaiste Schreiadler-Traditionsreviere, wo zeitweise auch der Seeadler gebrütet hat, sind immer wiederkehrend zu kontrollieren - Voraussetzung ist, dass die  essentiellen Habitatelemente nicht gravierend gelitten haben).
  • An vier Brutplätzen entfernten sich die Schreiadler nach dem Eintreffen des Seeadlers:
    • a) von 935 auf 1.200 m (+    265 m)
    • b) von 900 auf 1.500 m (+    600 m)
    • c) von 360 auf 1.445 m (+ 1.085 m)
    • d) von 370 auf    645 m (+    275 m)
  • An zwei Brutplätzen hat sich der Schreiadler dem Seeadler angenähert:
    • a) von 985 auf    650 m (-     335 m)
    • b) von 800 auf    400 m (-     400 m):
      • Hier nutzte der Schreiadler zwischen 2003 bis 2016 insgesamt 6 verschiedene Nistbäume und näherte sich von anfangs 800 auf bemerkenswerte 400 m zum Seeadler (dieser blieb dem Brutplatz stets treu). Im Verlauf dieser 14 Jahre zeigte der Seeadler 10 x Bruterfolg und der Schreiadler sogar 11 x Bruterfolg (davon 2010 bis 2016 durchgängig mit Erfolg!). Ein sehr interessantes Beispiel, wie beide Arten sehr erfolgreich und dicht nebeneinander reproduzieren können. 

Wichtige Anmerkung zu b): Aufgrund des bemerkenswerten Bruterfolges geht der aufmerksame Betrachter zunächst von einer ansehnlichen Ausstattung und Qualität verschiedenartiger Nahrungshabitaten für dieses Schreiadler-Vorkommen aus. Aber ausgerechnet hier griff der Mensch, auf dem ersten Blick nicht gleich zu erkennen, manipulativ ein. Ein ausgewähltes Terrain nur unweit zum Schreiadler-Brutwald wurde regelmäßig mit diversen Nahrungstieren künstlich bestückt. Das Bühnenbild für diese „Lock-Fütterungen“ vervollständigt ein regelmäßig frequentiertes Fotoversteck.
Sicher, dem Schreiadler wurde saisonal unter die Federn gegriffen, dennoch vermitteln uns die genannten Umstände ein deutlich verzerrtes Bild zur Gesamtsituation. So fehlen für das aufgeführte Beispiel die schlüssigen Belege für einen ursprünglichen Koexistenz-Verlauf, wenigstens für die letzten 10 Jahre. Zudem lassen sich erhofften Zusammenhänge und Folgerungen bzgl. der Präsenz und dem Zustand von Dauergrünland, Feuchtarealen & Co. für das Schreiadler-Revier nicht glaubhaft ableiten.

Eins signalisieren jedoch die permanenten Schreiadler-Besuche am Versteck, die natürlichen Nahrungsressourcen weisen deutliche Defizite vor Ort auf. Für die ortsansässigen Schreiadler-Schützer allemal ein wichtiger Ansatzpunkt.
  • Zusätzliche Fallbeispiele für interessante Abstände:
    • a) ein Schreiadler-Nest befindet sich nur 345 m vom Seeadler entfernt. Dieser Schreiadler brütet auf seinem Nest seit 2014-2016 erfolgreich. Der Seeadler siedelte sich 2015 neu an (s.o. 345 m!) und zeigte 2015 und 2016 ebenso Bruterfolg! Beide Adlerarten brüten somit seit zwei Jahren in Folge extrem dicht nebeneinander erfolgreich!
    • Weitere erfolgreiche Bruten mit Abständen ≤ 300 m zum Seeadler:
      • b)               1 x 155 m
      • c) und d)    2 x 180 m
Fazit: Die umfassenden Analysen belegen verständlich, dass die Schreiadler gegenwärtig in der Lage sind mit dem Seeadler als einen potentiellen Beutegreifer eine "friedliche Koexistenz" im 2 km Umfeld zu realisieren. 

Brut-Abstände von ≥ 1.000 m zum Seeadler werden nach den jüngsten Auswertungen vom Schreiadler in M-V regelmäßig toleriert. Nicht selten wurde hierbei die 1.000 m Marke unterschritten und in Ausnahmefällen lagen die Abstände mittels erfolgreich verlaufender Bruten sogar unterhalb von 500 m.

Ungeachtet dessen muss eine seit 2015 einsetzende "Seeadler-Welle" auf die Schreiadler-Reviere besonders aufmerksam verfolgt werden. Rasche Veränderungen im vermeintlich guten Zusammenspiel beider Arten sind daher nicht gänzlich auszuschließen.
Ferner sind längere Verhaltensstudien und entsprechende Notizen/ Belege über die Koexistenz zwischen beiden Arten von den Revier-Betreuern sehr erwünscht. Insbesondere bei den Verlustursachen innerhalb der Schreiadler-Brutplätze sollte dem Seeadler zukünftig noch mehr Beachtung geschenkt werden.


Notierte Schreiadler-Revieraufgaben durch sogenannte "Seeadler-Spielburgen" - hier handelte es sich um größere Seeadler-Ansammlungen (also um keine Brutplatz-Gründungen) am Rande von Hühnerfarmen, wo bislang der Schreiadler gebrütet hatte (siehe u.a. den Beitrag zum Schreiadler-Monitoring) - fanden bei dieser Analyse jedoch keine Berücksichtig (bis dato fielen nachweislich drei traditionelle Schreiadler-Brutplätze den übermächtigen Seeadler-Sammelplätzen am Rande von Hühnerfarmen zum Opfer). Auf dieser Ebene scheint sich momentan eine weitaus größere Gefährdung für die Erhaltung und Entwicklung der essentiellen Schreiadler-Lebensräume zu entwickeln.